Thursday, January 12, 2006

Essay deux

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?



Boas und Nachfolger

Franz Boas

Franz Boas, der als Gründervater der US-Amerikanischen Anthropologie gilt, wurde am 09. Juli 1858 im westfälischen Minden geboren. Er studierte an der Universität Kiel und er war während seiner Zeit in Deutschland Assistent am Völkerkundemuseum in Berlin. Bei einer von seinem Arbeitgeber veranstalteten, zu dieser Zeit sehr beliebten Völkerschau, kam er zum ersten Mal in Kontakt mit indigen Völkern aus Vancouver und Seattle [1].

Zum Anthropologen wurde er 1883 während einer Forschungsreise auf den Baffin Islands, Kanada. Der Zweck der Reise waren allerdings geografische Studien [2].

1887 wurde ihm eine Stelle beim New Yorker Magazin Science angeboten. Boas entschloss sich in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Mitgrund dafür war der wachsende Antisemitismus in seinem Heimatland, Boas war Jude [3].

Schon seit seinen Anfangstagen stand Boas dem Evolutionismus skeptisch gegenüber. So auch in seinem berühmten Artikel „The Limitations of the Comparative Method“, welcher 1896 erschien. Obwohl er selbst nie ein wirkliches theoretisches Hauptwerk veröffentlichte, was auch als einer der großen Kritikpunkte an ihm angesehen wurde, da er selbst keine Theorien aufstellte, sondern nur andere kritisierte, konnte man zur Zeit der Veröffentlichung seines Werks „The Mind of the Primitive Man“ die Umrisse seiner Denkmuster klar erkennen. Sein Hauptaugenmerk galt insofern den empirischen Studien von schnell verschwindenden lokalen Kulturen. Er sah Feldforschung als Schlüssel für seine Studien. Allerdings nicht im Sinne von Malinowski, da er meistens Texte auswertete oder sich mit Älteren unterhielt. Insgesamt brachte es Boas auf 12 Feldforschungen. Er sah die vier Unterteilungen der Anthropologie, auf die ich später noch eingehen werde als ergänzende Hilfsmittel für seine Forschungen [4].

Bekannt wurde er durch seine Forschungen bei den Kwakiutl-Indianern an der Nordküste der Vereinigten Staaten. Dort fielen im Unstimmigkeiten im System des Evolutionismus auf. Der Evolutionismus beschreibt Wildbeutergesellschaften (Jäger und Sammler) immer als unterste Entwicklungsstufe mit einem harten Leben, ohne Luxus, wo nur der tägliche Kampf ums Überleben herrscht. Boas fand aber bei den Kwakiutl eine ganz andere Situation vor. Diese sind zwar Wildbeuter, aber trotzdem sesshaft. Sie hatten ein angenehmes Leben mit reichlich Nahrung. Sie besaßen reiche Töpferwaren und ein ausgeprägtes Kunsthandwerk und sogar Kriegsgefangene von Nachbarstämmen als Haussklaven. Und sie hatten so viel, dass sie es verschenken oder gar zerstören konnten - nämlich beim in der Anthropologie seither berühmten Potlachfest [5].

Des Weiteren verstand Boas den Begriff Kultur nicht als Synonym für Zivilisation, wie es z.B.: Edward Tylor, mit welchem er als Kritiker des Evolutionismus logischerweise wenig Freude hatte, tat. Boas betonte die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit von Kulturen. Jede Kultur sei das Resultat einer besonderen Geschichte und somit einzigartig [6].

Franz Boas kann somit klar als Vertreter eines starken Kulturrelativismus gesehen werden.

Der Kulturrelativismus, dessen Anhänger die US-Amerikanischen Anthropologen um Boas und seine NachfolgerInnen in schwächerer oder stärkerer Weise waren, entstand als Gegenströmung zu Rassismus und Evolutionismus im 19. Jahrhundert. Der Kulturrelativismus wendet sich gegen den Eurozentrismus und versucht kulturelle Phänomene und Kulturen aus ihrem eigenen Kontext heraus zu verstehen, sprich alle Kulturen haben die gleiche Fähigkeit aber der jeweilige Kontext und die Umwelt prägen und formen [7].

Dabei kann man schwachen und starken Kulturrelativismus unterscheiden:

Schwacher Kulturrelativismus:

gilt als die Hauptvorrausetzung der Boasschen Anthropologie und jeglicher Anthropologie seither. Kulturen und kulturelle Prozesse müssen zuallererst in ihrem eigenen Kontext verstanden werden, abseits jeglicher ethnozentristischer Standards.

Starker Kulturrelativismus:

Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind unüberbrückbar und daher nicht vergleich- und bewertbar. Jede Kultur kann nur aus sich selbst heraus verstanden werden und ist nur im eigenen Kontext nachvollziehbar [8].

Der bereits oben genannte 4-Field-Approach war neben „Kultur ist wie Sprache“ der wichtigste Grundgedanke den Boas an seine Schüler weitergab.

4-Field-Approach:

Anhand des 4-Field-Approach kann man die US-Amerikanische Anthropologie in folgende vier Bereiche zergliedern:

  • Cultural Anthropology
  • Linguistic Anthropology
  • Archaelogical Anthropology
  • Physical/Biological Anthropology

Sie bilden bis heute die Grundpfeiler der meisten anthropologischen Forschungseinrichtungen in Nordamerika [9].

Kultur ist wie Sprache:

Sprache ist Mittel der Kultur und Kultur drückt sich durch Sprache aus. Boas vertrat die Ansicht, dass man beides nicht verstehe wenn man nicht dazugehöre[10].

Daran lässt sich wiederum eindeutig seine starke kulturrelativistische Haltung erkennen.

Nachfolger:

Im Wesentlichen kann man zwischen 3 nachfolgenden Generationen von Boas Schülern unterscheiden, wobei ich nur auf die ersten beiden genauer eingehen werde, da sie meiner Meinung nach in der Geschichte der US-Amerikanischen Anthropologie am einflussreichsten und bedeutendsten waren.

1. Generation:

Die 1. Generation um Robert Lowie und Alfred Kroeber an der Berkley Universität, Frank Speck an der Pennsylvania Universität, Fay-Cooper Cole und Edward Sapir an der Chicago Universität, Melville Herskovits an der Northwestern Universität und Alexander Goldenweiser an der New School of Social Research.

Zwischen den Schülern von Boas gab es selbstverständlich starke Unterschiede. So gab es jene, die seiner Linie strikt folgten. Wie z.B.: Robert Lowie und Frank Speck.

Ich möchte mich aber mehr mit den „Abweichlern“ beschäftigen. Alfred Kroeber und Frank Sapir.

Alfred Kroeber:

Kroeber trieb 1917 mit der Veröffentlichung von „The Superorganic“ die Teilung der boasschen Schüler auf die Spitze. Darin betonte er die absolute Unabhängigkeit von kulturellen Phänomenen gegenüber dem Organischen inklusive Biologie, Psychologie und dem Individuum [11]. Er war somit ein weiterer Vertreter eines starken kulturrelativistischen Ansatzes.

Kroeber beschäftigte sich weiters mit der historischen Richtung von Boas` Denkmuster. Allerdings wich er dabei von Boas ab.

Sein Hauptaugenmerk galt kulturellen Formen, dem Zusammenhalt von Mustern und kultureller Kreativität [12].

Edward Sapir:

Sapir war stark an der Beziehung der Kultur zum Individuum interessiert. Für ihn war Kultur nicht nur ein Zwang, sondern Individuen könnten kulturelle Vorgaben für ihre eigenen Zwecke verwenden [13].

Bekannt wurde er durch die Sapir-Whorf Hypothese, die er gemeinsam mit seinem Schüler Benjamin Whorf entwickelte. Laut dieser These sind die Strukturen verschiedener Sprachen absolut unvergleichbar. Sie sind außerdem dafür verantwortlich wie ein Zugehöriger dieser Sprachgruppe seine Welt wahrnimmt und einteilt [14].

2. Generation:

Die 2. Generation der Boasschen Schüler wurde als die Culture-and-Personality-School bekannt. Beeinflusst war diese Generation durch die Psychoanalyse und die Gestaltpsychologie. An Geschichte waren sie jedoch kaum interessiert. Zu denen Vertretern gehörten Clyde Kluckhohn, Irving Hallowell, Ruth Benedict und Margret Mead [15].

Mit den letzten beiden, den ersten einflussreichen und bedeutenden Frauen der Anthropologie möchte ich mich genauer beschäftigen.

Margret Mead:

Mead galt als eine der innovativsten Vertreter der 2. boasschen Schülergeneration. Sie war Bürgerrechtlerin und mit fortschreitendem Alter liebäugelte sie immer mehr mit der Politik.

Sie forschte als erste außerhalb von den Vereinigten Staaten und ihre Publikationen waren stets sehr publikumsnah.

So auch ihr Hauptwerk „Coming of Age in Samoa“, welches als erstes US-Amerikanisches Anthropologiewerk, im Sinne von Malinowskis Feldforschung der teilnehmenden Beobachtung gesehen werden kann [16]. Darin beschäftigt sie sich mit der Pubertät von samoanischen Mädchen. Sie kommt zu dem Schluss, dass für die dortige Jugend diese Phase in deren Leben weit weniger problematisch sei, als in der amerikanischen Gesellschaft. Sie war somit eine der ersten Anthropologinnen, die die eigene Gesellschaft offen hinterfragte.

Ruth Benedict:

Mit „Patterns of Culture“ veröffentlichte Benedict das meistverkaufte Buch in der Geschichte der Anthropologie. Sie vergleicht darin die Kwakiutl mit den Zuni und den Dobu. Obwohl letztere Nachbarn sind, gibt es große kulturelle Unterschiede. Sie beschreibt eine Bandbreite von kulturellen Möglichkeiten aus denen die Kulturen „auswählen“ und die Kombinationen daraus bezeichnet sie als Patterns of Culture. Auch definiert sie in dem Buch Normalität neu. Für sie ist der normal, der normales tut. Anormalität kann somit in einer anderen Kultur als normal gelten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihr Buch „The Crysanthemum and the Sword“, eine Nationalcharakterstudie über Japan veröffentlicht. Ihre Informationen bezog sie allerdings nicht aus der Feldforschung sondern aus Archiven und aus Interviews von japanischen Gefangen [17].

Abschließend möchte ich noch sagen, dass die Errungenschaften von Franz Boas und seiner Schüler auch heute noch von großer Bedeutung sind und sie sich ihren Platz in den Analen der Anthropologie redlich verdient haben.

Quellen:

[1.] Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie am 09.11.2005

[2.] Silverman, Sidel: The United States, in: Barth, Frederic, u.a.:One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropologie; Chicago 2005, S.260

[3.] Wikipedia, the free encyclopedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas#Cultural_Anthropology

[4.] Silverman, ebenda, S. 261

[5.] Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas

[6.] Silverman, ebenda, S. 262

[7.] Institut für Ethnologie in Heidelberg, http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html

[8.] Silverman, ebenda, S. 269

[9.] Barnard, Alan, & Spencer, Jonathan (1996): Glossary. In: Alan Barnard & Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London, S. 606

[10.] Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie am 09.11.05

[11.] Silverman, ebenda, S. 264

[12.] Silverman, ebenda, S. 265

[13.] Silverman, ebenda, S. 266

[14.] Silverman, ebenda, S. 267

[15.] Silverman, ebenda, S. 267

[16.] Silverman, ebenda, S. 268

[17.] Eigene Mitschrift des Tutoriums für Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie am 09.12.2005.

Friday, November 25, 2005

Emilé David Durkheim

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Biografie:


Émile David Durkheim wurde am 15. April 1858, als Sohn eines jüdischen Rabbis und einer Kaufmannstochter, in Épinal, Lothringen geboren. Schon während seiner Jugendzeit wandte er dem Glauben seines Vaters den Rücken zu, obwohl sich in vielen seiner späteren Gedanken jüdische Einflüsse widerspiegelten.

1879 beginnt er an der École Normale Supérieure in Paris Philosophie zu studieren.

1893 veröffentlicht er mit „The Division of Labor in Society“ sein erstes Hauptwerk. Nach Abschluss seines Studiums beginnt er 1887 seine Tätigkeit als Professor für Pädagogik und Sozialwissenschaft an der Universität in Bordeaux. Dort hielt er neben Vorlesungen über Praxis, Theorie und Geschichte der Pädagogik, wöchentlich öffentlich zugängliche Vorträge über soziale Phänomene wie Verwandtschaft, Selbstmord, Inzest und Religion.

1895 veröffentlicht er „Rules of Sociological Methods“. 2 Jahre darauf erscheint „Suicide“.

1898 gründete er mit „Année sociologique“, die erste sozialwissenschaftliche Zeitung Frankreichs.

1902 begann Émile Durkheim seiner Lehrtätigkeit an der Pariser Sorbonne, wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte.

1903 erschien „Primitive Classification“, das er gemeinsam mit seinem Neffen Marcel Mauss geschrieben hatte.

Im Jahre 1912 publizierte er mit „The Elementary Forms of the Religious Life“ sein letztes großes Hauptwerk.

Während des 1. Weltkriegs, in welchem unglücklicherweise sein Sohn André fiel, engagiert er sich aktiv in der Landesverteidigung. Er gründete ein Komitee, sammelte Daten und Dokumente über den Krieg und gab diese an neutrale Staaten weiter, um der Propaganda des Deutschen Reiches einen Riegel vorzuschieben [5].

Émile Durkheim starb am 15. November 1917 an einem Herzanfall in Paris.

Einleitung:


Durkheim revolutionierte die gesamten Sozialwissenschaften Europas und er ist verantwortlich für die Nähe der Kultur- und Sozialanthropologie zu diesen. Er kann als Gründer der Soziologie und neben Max Weber und Karl Marx als Gründervater der modernen Kultur- und Sozialanthropologie gesehen werden. Außerdem war er neben Louis Dumont und Claude Levi-Strauss, einer von 3 französischen Anthropologen, welche die britische Anthropologie maßgeblich beeinflussten. Vor allem Alfred Reginald Radcliffe-Brown beschäftigte sich mit Durkheims Theorien zu sozialen Beziehungen.

Allerdings beteiligte sich Durkheim, wie viele seiner Vorgänger, nicht selbst an Feldforschungen. Als so genannter „Armchair Anthropologist“ wertete er Daten von Dritten aus.

Im Gegensatz zu den Evolutionisten erkannte Durkheim schon relativ früh, dass eine Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, nicht ohne eine Auseinandersetzung mit der eigenen möglich sei.

Er setzte dabei an die Gedanken von Jean-Jacques Rousseaus „contract sociale“ an. Durkheim überlegte wie dieser Gesellschaftsvertrag in Nichtindustrialisierten Ländern, die keine Republiken sind, aussehen könnte.

The Division of Labor in Society:

Während er, wie er in seiner Dissertation „The Division of Labor in Society“ beschreibt, in den westlichen Gesellschaften, die Arbeitsteilung als Basis des Zusammenhalts sieht, sind es in prähistorischen Kulturen, Werte wie z.B.: Religion. Er verwendet dafür die Begriffe „organische und mechanische Solidarität“.

Organische Solidarität beschreibt eine Gesellschaft mit hohem Grad an Arbeitsteilung. Daraus ergibt sich eine hohe Abhängigkeit voneinander, denn der Einzelne kann seine vollen Bedürfnisse nicht mehr von alleine befriedigen und benötigt somit die Hilfe der Anderen. Somit ist jeder für das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes notwendig.

Der Zusammenhalt, den Durkheim mit mechanischer Solidarität bezeichnet basiert hingegen auf Werten wie z.B.: Religion. So entsteht z.B.: durch eine gemeinsame Geschichte eine gemeinsame Identität und diese hält die Gruppe zusammen. Diese Gruppen sind funktionell gleichwertig und somit ist der Wegfall einer Gruppe für den Fortbestand der Gesellschaft als Ganzes nicht hinderlich [1].


Seine Studien über Religion sind die bedeutendsten in anthropologischer Hinsicht. Durkheim sieht das Heilige als Äquivalent zu sozialen Ideologien und zur Gesellschaft selbst, als der Inbegriff von Werten. Somit sieht er Gott als symbolische Repräsentation der Gesellschaft. Wenn man Gott verehrt, verehrt man die Gesellschaft und somit auch sich selbst als Teil davon [2].

The Elementary Forms of the Religious Life:

In dem für die Sozialanthropologie wohl wichtigstem Werk „The Elementary Forms of the Religious Life“ definiert Durkheim Religion und macht ihre soziale Basis geltend: Sie unterscheidet zwischen dem „Heiligen“ und dem „Profanen“ um sich speziell dem „Heiligen“ zu widmen [3].

Er beschreibt weiters, dass jede Gesellschaft mehr oder weniger identifizierbare Autoritäten besitze. Diese benützen Ideologie, inkl. Religion um ihre Werte auf die einzelnen Mitglieder umzumünzen. Religion hat somit vier Charakteristika um diese soziale Funktion zu erfüllen:

1) Religion übt Zwang durch die Androhung von Sanktionen aus

2) Religion ist allgemein, da sie eine Anzahl von Individuen zusammenbringt und zumindest nach außen hin alle gleich beeinflusst.

3) Religion ist traditionell, d.h. sie existiert vor und nach der Lebensspanne des Individuum

4) Religion geschieht außerhalb des Individuums

Es gibt weiters eine Vielzahl von Instrumenten, welche die Religion in Verbindung zum Sozialen setzen. Religiöser Glaube und Praktiken geben Ausdruck über Werte der Gesellschaft, die Durkheim als kollektive Repräsentationen bezeichnet. Diese Normen, Symbolen, Mythen und Werte an sich treten jedoch nicht zufällig auf. Es bedarf einen speziellen Anlass. Für Durkheim ist es das Ritual, das alle Teilnehmenden als geschlossene und gleichwertige Masse gelten lässt. Durch diese Rituale wird Wissen zu Macht - Macht der Gesellschaft über den Einzelnen. Die Symbolik die in den Ritualen verwendet wird, verschleiert diese Macht[4].

Primitive Classification:

Gemeinsam mit seinem Neffen Marcel Mauss publizierte er 1903 im „Année sociologique“ das relative kurze Werk „Primitive Classification“. Darin behandeln sie die Frage, wie das menschliche Gehirn gliedere. Sie erkannten dabei eine enge Verbindung zwischen der Gesellschaft und den Gliederungen der Natur. Weiters erkannten sie eine Kontinuität im primitiven und wissenschaftlichen Denken.

Die Theorie die sie hier aufstellten beinhaltet sowohl Elemente von Strukturfunktionalismus und Evolutionismus, als auch von Strukturalismus [5].

Suicide:

Während, wie oben erwähnt, „The Elementary Forms of the Religious Life“ sein wohl wichtigstes Werk für die Sozialanthropologie ist, nimmt „Suicide“ diesen Platz in der Soziologie ein.

Anhand von Statistiken erkannte Durkheim das sich Selbstmordraten von ländlichen Gebieten und Städten, Katholiken und Protestanten, Jungen und Alten, etc. stark unterschieden.

Für ihn hat der individuellste Akt überhaupt, sich selbst das Leben zu nehmen, im Kern eine soziale Grundlage [6].

Durkheim unterschied dabei 3 Arten von Selbstmord [7]:

1) Altruistischer Selbstmord wegen zu starken sozialen Verpflichtungen. Das Individuum hat das Gefühl mit den Anforderungen der Gesellschaft nicht zurechtzukommen.

2) Anomischer Selbstmord aufgrund von widersprüchlichen Botschaften, die das Individuum von sozialen Gruppen, zu denen es sich zugehörig fühlt, erhält.

3) Egoistischer Selbstmord wird verübt wenn das Individuum sich von jeglichen sozialen Gruppen isoliert fühlt und von diesen und der Gesellschaft keine Unterstützung erhält.


Somit wurde Emilé David Durkheim einer der wichtigsten Persönlichkeiten der europäischen Sozialwissenschaften. Ohne ihn würde unsere akademische Landschaft heute wahrscheinlich ganz anders aussehen.

Quellen:

[1] Parkin, Robert: The French Speaking Countries, in: Barth, Frederic, u.a.:One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropologie; Chicago 2005, S.179

[2] Parkin, ebenda, S. 173

[3] Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology; Cambridge 2000, S.64

[4] Parkin, ebenda, S. 173-175

[5] Barnard, ebenda, S. 64-65

[6] Barnard, ebenda, S. 64

[7] The Emily Durkheim Archive, http://durkheim.itgo.com/glossary.html

Monday, November 21, 2005

Schönen Gruß

Einen oder zwei...